Buchrezension

China besser verstehen: Psychogramm einer Weltmacht

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Stefan Baron, Guangyuan Yin-Baron: Die Chinesen: Psychogramm einer Weltmacht. Econ-Verlag , Berlin 2018, 448 Seiten, 25 Euro
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China besser zu verstehen und vor allem verständnisvoller gegenüber China zu werden, ist das Ziel des vorliegenden Buches. So sollen naive Sichtweisen gegenüber China aber auch immer wieder anzutreffende unbegründete westliche Überheblichkeiten gegenüber dem Reich der Mitte und seinen Menschen revidiert werden. Das deutsch-chinesische Autoren-Ehepaar liefert sehr interessante fundierte Einblicke in historische Entwicklungen sowie die kulturellen und geisteswissenschaftlichen Fundamente Chinas und kontrastiert diese mit denen des Westens.

Für viele ist China heute vor allem ein sehr bedeutsamer Wirtschaftsfaktor. Das Reich der Mitte ist ein riesiger Absatz- und Beschaffungsmarkt und in zunehmendem Maße auch ein sehr ernstzunehmender Wettbewerber. Gleichwohl pilgern hochkarätige westliche Wirtschaftsdelegationen nach China und buhlen um attraktive Aufträge. Nur selten entwickeln die Manager dabei ein tieferes Verständnis dafür, wie die chinesischen Geschäftspartner ticken. Dies ist gefährlich, denn China ist eben mehr als ein Wirtschaftsobjekt. Unter der Ägide des chinesischen Staatskapitalismus will China den großen Sprung nach vorne machen. In der Tat wird immer deutlicher, dass mit dem rasanten Aufstieg Chinas etwas Epochales passiert. Die bestehende Ordnung in der Welt, die von den USA dominiert wird, soll auf vielen Ebenen neu justiert werden. Die Weltmacht China fordert nicht zuletzt mit ihrem gigantischen Projekt „neue Seidenstraße“ ihren Platz in einer in Zukunft multipolaren Welt. Daraus entwickeln sich gefährliche Konflikte wie etwa der zwischen den USA und China. Es ist keineswegs ausgemacht, dass es dabei nur bei einem Handelskrieg bleibt.

Um die Entwicklungen besser einschätzen zu können, bedarf es nicht nur eines Blickes auf die volkswirtschaftlichen Kenngrößen. Nein man muss sich auch mit der Geschichte, der Kultur und der Geisteshaltung der Chinesen auseinandersetzen. Vor diesem Hintergrund ist es löblich, dass die Autoren ein Psychogramm der Chinesen – wohl präziser der Han-Chinesen, denn China ist ein Vielvölkerstaat mit nicht unerheblichen ethnischen Konfliktfeldern – umreißen.

Die Denkweise der Chinesen ist sehr stark von Konfuzius geprägt, betonen die Autoren. „Zentrales Ziel der konfuzianischen Lehre ist es, das Zusammenleben so zu regeln, dass die Menschen in Harmonie miteinander und mit der Natur leben können.“ […] Der Weg dahin ist der »Weg der Mitte«. Das Wahren von Maß und Mitte bedeutet, keinen alleinigen Wahrheitsanspruch zu erheben, extremen Meinungen oder Handlungen zu entsagen und in Konflikten Verständnis für die andere Seite aufzubringen.“ Letzteres hört sich in Anbetracht des Vorgehens der chinesischen Staatsmacht gegenüber Andersdenkenden reichlich euphemistisch an.

Die Psychologie eines Volkes

Es ist sehr interessant, wie sich die konfuzianische Geisteshaltung auf die gesellschaftlichen Entwicklungen ausgewirkt hat. Das Buch geht in drei Teilen hierauf detailliert ein.

In Teil I geht es um die Psychologie eines Volkes. Hier wird das westliche China-Bild im Wandel der Zeiten skizziert und dabei wird das westliche Hin und Her zwischen Faszination, Furcht („die gelbe Gefahr“) und Verachtung gut herausgearbeitet.

Teil II befasst sich mit Erziehung und Sozialisation mit den Aspekten Familie, Hierarchie, Bildung, aber auch um Denken und Wahrnehmung, Sprache und Kommunikation sowie Moral und Gesellschaft und das Verhältnis Mann und Frau. In Teil III geht es um Wirtschaft und Arbeitswelt, Staat und Herrschaft.

Die Rolle des Konfuzianismus

Nach der spannenden Lektüre weiß man mehr über die Rolle des Konfuzianismus in Wirtschaft und Gesellschaft. Man gewinnt ein neues Verständnis für die Ambitionen Chinas und die heftigen tagespolitischen Reaktionen der Trump-Administration, die befürchtet, dass sie den Status quo der USA-Dominanz a la longue nicht durchhalten kann. Immerhin ist das ehrgeizigste Infrastruktur- und Entwicklungsprojekt der Weltgeschichte die „neue Seidenstraße“ mit einer eurasischen Achse vor allem in Interesse Chinas. Es dient dazu, Chinas geostrategische Position gegenüber den USA zu verbessern. Dennoch geht nach Meinung der Autoren die größte Gefahr für den Frieden nicht vom chinesischen Nationalismus oder Pekings Aufrüstung aus, sondern von der Fehleinschätzung dieser Absichten aufgrund eines mangelnden westlichen Verständnisses des chinesischen Denkens und Fühlens. Allerdings: „Verstehen bedeutet nicht gutheißen“, schreiben die Autoren am Ende des Buches. Sie sind nicht kritiklose Befürworter des autoritären chinesischen Staatskapitalismus. Sie plädieren für eine multipolare Weltordnung, die einen fundierten Einblick in die geopolitischen Konflikte und das völlig andere Wesen „der“ Chinesen bietet.


Prof. Dr. Robert Fieten,
fachlicher Berater der
Beschaffung aktuell,
Köln

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