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Was Nachhaltigkeit und Lieferknappheit für den IT-Einkauf bedeuten

IT-Beschaffung und -Wiederverwendung
Was Nachhaltigkeit und Lieferknappheit für den IT-Einkauf bedeuten

Vor welchen Herausforderungen steht die IT-Beschaffung in Zeiten von Cyber-Attacken und Geräteknappheit? Welche Rolle spielt der Lebenszyklus von Geräten? Darüber hat unsere freie Mitarbeiterin Annette Mühlberger mit Daniel Büchle, Geschäftsführer des IT-Refurbisher AfB, und Gundula Ullah, Einkaufsleiterin der Funke Mediengruppe, gesprochen. Zu diesen Thema findet am 6. Oktober 2021 ein Webinar statt:  „Nachhaltige IT-Beschaffung und -Wiederverwendung“. Hier erfahren Sie unter anderem aus erster Hand, wie man schon bei der Beschaffung von IT die spätere Wiederverwendung gewinnbringend nutzen kann und das auch noch nachhaltig. Klicken Sie für weitere Infos.
 

Beschaffung aktuell: Herr Büchle, IT-Refurbishing sorgt für ein zweites und drittes Leben von Hardwareprodukten. Die sind gerade überall knapp. Wie entwickelt sich der Markt?

Daniel Büchle: Egal ob Smartphone, Laptop oder Server, bei Hardwareprodukten reden wir von einer extrem boomenden Branche. Es wird immer mehr digitalisiert, immer mehr Rechenzentren entstehen und damit steigt natürlich die Menge an Geräten, deren erstes Leben zur Neige geht und die wir als Gebrauchtgeräte erneut in den Markt bringen können. Der Kuchen wird in Summe also größer. Dennoch brauchen wir als Refurbisher gute, robuste Geräte aus dem professionellen Einsatz. Und da die Neubeschaffung für die Unternehmen angesichts der Lieferknappheit gerade schwierig ist, fällt auch bei uns derzeit schon mal die ein oder andere größere Lieferzusage aus.

Frau Ullah, wie stellt sich die Lage im Einkauf dar? Sind gebrauchte Geräte für den Einsatz in Unternehmen überhaupt eine Option?

Gundula Ullah: Die Funke Mediengruppe hat sich nach der Cyber-Attacke Ende 2020 hardwaretechnisch komplett neu aufgestellt. Alle Geräte, auch die mobilen, wurden auf den neuesten Stand gebracht. Wir wissen, dass kleine Sicherheitslücken enorme Auswirkungen haben können, insofern ist für uns die neueste Technologie entscheidend. Allerdings haben wir mit der AfB seit über zehn Jahren eine Partnerschaft und liefern an das Unternehmen unsere „alte“ Hardware, die wir durch neue ersetzen. Ich selbst habe mir aus diesem Programm erst kürzlich ein früheres Funke-Notebook gekauft, das bei mir privat jetzt sein zweites Leben lebt.

Hat sich an der durchschnittlichen Nutzungsdauer eines Business-Geräts etwas verändert?

Büchle: Aus unserer Beobachtung heraus nicht, außer es kann nicht rechtzeitig Ersatz beschafft werden. Aus Sicht der Gebrauchtvermarktung ist es auch gar nicht unbedingt zielführend, wenn Geräte möglichst lange in einem Unternehmen laufen. Am besten lassen sich Geräte weitervermarkten, die nach drei bis vier Jahren immer noch auf einem relativ neuen Stand sind und optisch in Ordnung. Entscheidend ist der Gesamtlebenszyklus und der kann auf diese Weise bei gut mehr als zehn Jahren liegen.

Das heißt, gebrauchte IT geht nach wie vor eher in die private Nutzung?

Büchle: In der Regel ist das so. Unternehmen brauchen möglichst gleiche Geräte, um den Wartungsaufwand gering zu halten. Und mehrere Tausend vergleichbare Notebooks bekommt man nun mal auf dem Gebrauchtmarkt kaum. Zumal der Support durch die Systemhäuser ein wichtiger Aspekt ist. Allerdings haben wir viele kleinere Unternehmen als Kunden und Start-ups, diese oft mit einem bewussten Nachhaltigkeitsansatz, die sich bei uns eindecken.

Wenn wie aktuell zu wenig Neuware auf den Markt kommt und man trotzdem wie Funke plötzlich eine große Menge an Hardware ersetzen muss, was ist dann im Einkauf wichtig?

Ullah: Auf jeden Fall Partner mit einer guten Verbindung in die Distributionskanäle, die Chargen rechtzeitig reservieren können. Dazu ein gutes Timing und am Ende auch ein Quäntchen Glück, damit die Beschaffung zeitnah gelingt. In unserem Fall haben alle drei Faktoren gepasst.

Welche Rolle spielt Green-IT für die Beschaffung bei Funke?

Ullah: Aktuell sind wir in einem engen Austausch mit unserer IT und den Anbietern. Wir prüfen, wer auf diesem Feld tätig ist, welche Aspekte genau damit verbunden sind. Wichtig sind Lebenszyklusbetrachtung und CO2-Footprint. Wo liegen die Vorteile gegenüber klassischer Hardware? Mit welchen Anforderungen gehen wir in künftige Vergaben?

Inwiefern bilden Sie nachhaltige Produktaspekte in Ihren Bestellsystemen ab?

Ullah: Auch hier sind wir dran, dies in unsere elektronischen Bestellsysteme zu überführen. Damit die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei allen Warengruppen sehen, dies und das sind nachhaltige Alternativen. Natürlich bleiben bei Laptops Themen wie Performance, bei Smartphones auch das Thema Status wichtig. Der Einkauf kann und sollte hier aber ein Impulsgeber für Nachhaltigkeit sein. Und es ist ein Leadership-Thema, wenn Führungskräfte mit gutem Beispiel vorangehen.

Stichwort zweites und drittes Leben: Worauf kommt es an, damit ein Gerät möglichst lange läuft?

Büchle: Auf eine erfolgreiche Weiterverwendung haben neben einem robusten Geräteaufbau, mehr Steck- statt Klebeverbindungen (Reparierbarkeit) auch ganz simple Dinge wie der Umgang bei der Nutzung einen großen Einfluss. Das ist vielen Anwendern gar nicht bewusst. Wie nutzen sie die Geräte? Schützen sie diese beim Transport und Einsatz? Lassen sich firmeninterne Aufkleber rückstandsfrei abziehen oder am besten vermeiden? Wie werden die Geräte eingesammelt und übergeben? Geht auf dem Transport die Hälfte der Geräte kaputt oder werden sie sicher auf den Weg gebracht? Da kommen sehr schnell Wertverluste pro Gerät von 100 bis 200 Euro bis zum Totalverlust zustande. Das heißt, die Geräte haben nicht nur eine kürzere Lebensdauer, sie bringen auch weniger Erlös für den Verkäufer. Mit einem Gerät pfleglich umzugehen, hat immer eine ökonomische und eine ökologische Komponente.

Sensibilisiert der Einkauf für solche Themen?

Ullah: Wir kommunizieren auf jeden Fall unsere Partnerschaft mit der AfB und informieren, dass die Geräte in den Wiederverkauf gehen. Und da sich unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter selbst gebrauchte Geräte über unsere Mitarbeiteraktion kaufen, sind sie hier zunehmend sensibilisiert.

Kreislaufwirtschaft bedeutet, dass ich mir genau anschaue, was nach der Verwertung mit den Rohstoffen passiert und diese möglichst in die Herstellung neuer Geräte zurückspiele. Welches Konzept verfolgt AfB am Ende eines Gerätelebens?

Büchle: Von den Geräten, die wir erhalten, können wir ein Drittel nicht wiedervermarkten, insofern ist für uns ein fachgerechtes Recycling extrem wichtig. Im Idealfall findet es in Europa bzw. unter den hiesigen Arbeits- und Umweltbedingungen statt. Gute Recyclingunternehmen können bis zu 20 Edelmetalle aus einem Gerät wieder rausholen. Deshalb ist dieses Ende der Supply Chain für eine nachhaltige Wirtschaft so entscheidend. Wir auditieren und verfolgen den Weg zu unseren Lieferanten hier sehr genau.

Wo sollte ein Kreislaufwirtschafts-Management in Unternehmen angesiedelt sein, im Einkauf?

Ullah: Wir haben diese Aufgabe tatsächlich im Einkauf verortet. Ein Kollege kümmert sich unter anderem um die Verwertung unserer Produktionsabfälle. Aber auch wir müssen uns mit dem Thema Kreislaufwirtschaft künftig noch in einer viel größeren Detailtiefe befassen.

Büchle: Alles, was Unternehmen als Abfall deklarieren, kommt in die Abfall- und damit in die Klimabilanz. Diese Tonnen haben einen CO2-Wert und fließen direkt in die Scope-3-Emissionen. Deshalb sind auch Abfall bzw. fachgerechtes Recycling und die Rückführung von Rohstoffen zurück in den Kreislauf heute nicht mehr nur ein ökologisches, sondern gleichzeitig ein ökonomisches Thema.




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