Industrie 4.0 und die Rolle des Einkauf

Die Zukunft hat begonnen

Mensch meets Digital: Die Aufgaben des Einkaufs werden sich durch die neuen technologischen Möglichkeiten und Lösungen wie Smart Contracts, Predictive Analytics Software, neue Kennzahlen sowie Big Data und die Echtzeitverfügbarkeit von Daten immens verändern. Neue Möglichkeiten entstehen. (Bild:/123rf)
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„Ohne den Einkauf wird in Deutschland Industrie 4.0 nicht stattfinden.“ So lautete die provokante These des BME-Hauptgeschäftsführers Dr. Christoph Feldmann, die er im Rahmen einer gemeinsamen Veranstaltung des BME mit dem Fraunhofer IML in Frankfurt aufstellte. Dort wurden die Ergebnisse einer Studie zum Thema „Digitalisierung des Einkaufs – Einkauf 4.0“ vorgestellt.

Um eine erste Bestandsaufnahme des Einkaufs 4.0 in der Unternehmenspraxis geht es in der Studie des Fraunhofer IML und des BME. Ausgangspunkt für die Untersuchung war die These, dass die vierte industrielle Revolution dem Einkauf die einmalige Chance bietet, der Forderung nach einer strategischen Rolle gerecht zu werden. Die Einschätzung der befragten Einkaufsverantwortlichen und CPOs von insgesamt 25 Unternehmen und zwei Hochschulen bilden den Kern der Ergebnisse. Sie lassen sich in zwölf Punkten zusammenfassen (siehe Kasten).

Prof. Dr. Michael Henke vom Fraunhofer IML erklärt die weitere Vorgehensweise: „Es gilt nun, die gewonnenen Erkenntnisse und Schwerpunkte zeitnah weiter zu diskutieren und in eine Roadmap mit konkreten Handlungsempfehlungen und einen Aktionsplan zu überführen. Dafür haben Fraunhofer IML und BME gemeinsam ein Thinktank-Einkauf 4.0 ins Leben gerufen, in dem ausgewiesene Experten aus Industrie und Wissenschaft ab sofort gemeinsam an diesen Aufgabenstellungen arbeiten.“
Einen konkreten Tipp hat Dr. Volker Pyrtek, CEO von BuyIn und Teilnehmer der Podiumsdiskussion: „Einkaufsabteilungen müssen jetzt das notwendige Know-how einkaufen, wenn es nicht im eigenen Unternehmen vorhanden ist. Vor allem neue junge Leute und Nicht-Einkäufer können intern mehr Schwung in das Thema bringen. Ich bin auch ein Befürworter der Job-Rotation. Damit verbessert man die Teambildung über die Abteilungsgrenzen hinaus und fördert den Know-how-Transfer.“
Auf die Frage, wie er sich die Zukunft vorstellt, antwortet Pyrtek: „Es ist noch nicht absehbar, wie sich die Industrie verändern wird. Wir stehen heute am Anfang einer disruptiven Entwicklung, nicht wie viele behaupten, einer linearen Entwicklung. Der Einkauf muss es schaffen ein Scout für Industrie 4.0 zu werden. In einem bin ich mir ganz sicher: Zukünftig werden Roboter auch strategische Verhandlungen führen können.“
Sebastian Thelen, Kloepfel Consulting, Düsseldorf, stellt in seinem Bericht zu der Veranstaltung fest, dass der Einkauf sich künftig insbesondere mit der Beschaffung von externem Know-how befassen müsse. Durch Innovation Sourcing sorge der Einkauf dafür, dass das Unternehmen als eines der ersten am Markt sein Produkt mit neuester Technologie verkaufen könne und sich hiermit einen entsprechenden Marktanteil sichere. Der Einkauf sollte in der Lage sein, Handlungsbedarfe entlang der Wertschöpfungskette frühzeitig zu erkennen. Neue Steuerungsmöglichkeiten durch intelligente Analysesoftware (Smart Analytics) und durch die Verknüpfung jeglicher Daten aller Systeme und Stakeholder ermöglichen schnellere Entscheidungen auf einer verbesserten Datengrundlage für das gesamte Unternehmen und die Lieferkette.
Die Berater von H&Z stellen fest, dass von einer „App-ifizierung“ der Systemlandschaft und der Geschäftsprozesse heute noch keiner sprechen möchte – trotzdem sei diese Vision mittlerweile klar skizziert. Erste Lösungen hierfür gäbe es schon, wie Mark Perera von Old St Labs mit seiner Plattform Vizibl zeige. Hierbei wird die Zusammenarbeit und die Kommunikation zwischen Einkauf und Business Partnern mit Technologien auf die nächste Stufe gehoben. Unter dem Stichwort „Return on Relationship“ werde klar, der Einkauf muss zukünftig mehr bieten als Savings.
Sabine Schulz-Rohde

Zusammenfassung der Ergebnisse zur Studie Einkauf 4.0
  • 1. Der Einkauf schrumpft – der operative Einkauf wird weitgehend autonomisiert.Operative Einkaufsprozesse können nahezu komplett digitalisiert werden bis hin zur Autonomisierung. Der strategische Einkauf steuert und überwacht diese Prozesse dann nur noch.
  • 2. Die Anforderungen und Erwartungen an den strategischen Einkauf wachsen – und damit die Forderung nach einem erhöhten Wertbeitrag. Unternehmen bieten ihren Kunden hybride Komplettlösungen und nicht mehr nur einzelne Produkte an, was den Anspruch an den Einkauf steigen lässt.
  • 3. Der Einkauf wird in Zukunft vollkommen anders aussehen – es gibt keinen traditionellen Einkäufer mehr. Der Einkäufer muss künftig viele Talente mitbringen. Er wird zum Schnittstellenmanager intern und extern. Er muss ein hohes technisches Verständnis aufweisen, da er sich auch mehr und mehr zum Produktentwickler wandelt. Die Entwicklung zum Datenanalysten ist bereits gesetzt.
  • 4. Persönliche Beziehungen bleiben auch zukünftig von hoher Bedeutung. Technologien ersetzen keine persönlichen Beziehungen. Sie vereinfachen zwar die Kommunikation, verbessern diese aber nicht zwangsläufig. Besonders im Einkauf bleiben persönliche Beziehungen zu Lieferanten und internen Kunden eine wichtige Basis.
  • 5. Der Einkauf trägt nicht die Gesamtverantwortung für die Umsetzung von Industrie 4.0 – dennoch hat er eine entscheidende Rolle. Die Geschäftsführung bzw. das Management eines Unternehmens ist dafür verantwortlich, Industrie 4.0 im Unternehmen voranzutreiben. Der Einkauf trägt hierbei eine wichtige Mitverantwortung.
  • 6. Veränderungen beziehen sich auf alle relevanten Dimensionen: Technologien und Systeme, Organisation und Prozesse, Management und Mensch sowie Geschäftsmodelle. Die Digitalisierung verändert alle Bereiche eines Unternehmens. Weitere Entwicklungen können nicht losgelöst voneinander betrachtet werden.
  • 7. Das Schaffen von Transparenz ist die wichtigste Voraussetzung, um Industrie 4.0 umsetzen zu können. Transparenz schaffen bedeutet, dass Wissen in einer klaren Struktur bereitgestellt wird. Zum Thema „Industrie 4.0“ muss noch viel Aufklärung betrieben werden.
  • 8. Big Data und Technologien zur Datenverarbeitung sind Schlüsseltechnologien der Digitalisierung und vor allem im Zusammenhang mit der Vernetzung entscheidend. Der gemeinsame Blick aller Akteure eines Unternehmens als auch einer Supply Chain auf die gleiche Datenmenge mit den gleichen Möglichkeiten zur Analyse führt zu schnellen und sichereren Entscheidungen.
  • 9. Der Einkauf muss seine eigenen Strukturen und Prozesse an die Digitalisierung anpassen. Der Einkauf muss künftig in Echtzeit reagieren und aussagekräftige Informationen geben können. Dazu muss er Prozesse weitestgehend digitalisieren, um sich auf Kernprozesse zu konzentrieren. Der Umgang mit Big Data und Daten sowie der Einsatz von Assistenzsystemen oder Augmented-Reality-Lösungen unterstützen ihn dabei.
  • 10. Der Einkauf muss ein z. T. verändertes, zunehmend digitalisiertes Beschaffungsportfolio managen. Nicht nur die Prozesse des Einkaufs, sondern auch die zu beschaffenden Produkte unterliegen dem Wandel der Digitalisierung. Daher besteht auch im Einkauf die Notwendigkeit, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln.
  • 11. Die vertikale und horizontale Vernetzung (durch Technologien) ermöglicht den Wandel von der Funktionssicht zur Prozesssicht – die Digitalisierung des Einkaufs und des gesamten Beschaffungsportfolios sind erst dadurch uneingeschränkt möglich. Erst der Austausch von Know-how mit anderen macht es möglich, von den Vorteilen der Digitalisierung zu profitieren.
  • 12. Der Einkauf ist Treiber der horizontalen Vernetzung. Hier trägt der Einkauf die volle Verantwortung. Daher kommt ihm bei der Umsetzung von Industrie 4.0 eine entscheidende Rolle zu. Er muss die Technologien und Innovationen ins Unternehmen bringen, damit es die vierte industrielle Revolution erfolgreich meistern kann.

Der Feind des Erfolgs

Meinung

Was haben ehemals so erfolgreiche Unternehmen wie Nokia, Grundig oder Agfa falsch gemacht? Sie haben alle den Moment verpasst, in dem sie ihren erfolgreichen Kurs hätten ändern und ihr Geschäftsmodell überdenken sollen. Sie haben radikale Innovationen verpasst, weil sie mit dem Tagesgeschäft und dem Bedienen der aktuellen Kunden zu beschäftigt waren, statt sich um die Entwicklung zukünftiger Chancen zu kümmern. In anderen Worten: Der Erfolg von heute ist der Feind des Erfolgs von morgen.
Quelle: Universität St. Gallen
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