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Eine Frage der Nachhaltigkeit?

Kommentar zur Sustainability von Lieferketten
Eine Frage der Nachhaltigkeit?

Tanja Reilly, Senior Account Executive bei EcoVadis, diskutiert die Ergebnisse des EcoVadis-Index und erklärt, wie wichtig Nachhaltigkeit in der Lieferkette ist.

Im Zusammenhang mit den andauernden logistischen Kapazitätsengpässen wurde deutlich, dass Lieferketten auf “good times” ausgerichtet sind und nicht für unsichere Zeiten konzipiert wurden. Gleichzeitig steigt der Druck, nicht nur zu liefern, sondern auch verantwortungsvoll zu produzieren. Das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz bringt menschenrechtliche und umweltbezogene Sorgfaltspflichten in den Fokus des Risikomanagements und verpflichtet damit Unternehmen, ihre Beschaffungsstrategien zu überdenken. Stakeholder stellen vermehrt Anforderungen an und Nachfragen zur Nachhaltigkeit. Stehen wir endlich vor einem Paradigmenwechsel im Einkauf oder bleibt es bei einem reinen Compliance-Ansatz?

Im diesjährigen Sustainable Procurement Barometer, herausgegeben vom Anbieter für Nachhaltigkeits-Ratings EcoVadis, gaben 63 % der befragten Führungskräfte an, dass Nachhaltigkeit sehr wichtig sei für die Erreichung der Unternehmensziele, während es vor zwei Jahren nur 25 % waren. Gleichzeitig antworteten aber 46 % der Lieferanten, dass das Commitment ihrer Kunden zur Nachhaltigkeit „nur auf dem Papier wichtig“ sei. Doch mit dem bevorstehenden Lieferkettengesetz und zunehmenden CO2– und Umweltregulierungen wird es nun ernst für Unternehmen, sich neben Kosten, Lieferzeit und Qualität mit Menschenrechtsstandards und Umweltschutzmaßnahmen als Beschaffungskriterien auseinanderzusetzen.

Bisher lag der Fokus der Unternehmen auf internen und selbstbezogenen Maßnahmen in Bezug auf Ethik, Umwelt sowie Arbeits- und Menschenrechte und weniger auf der nachhaltigen Beschaffung, und damit auf der Lieferkette. In Übereinstimmung mit dem Barometer zeigt der aktuelle EcoVadis-Index, der auf über 72.000 Ratings von mehr als 46.000 Unternehmen basiert, dass die Themen Arbeits- und Menschenrechte von Unternehmen priorisiert ist. Jedoch ist global und branchenübergreifend die Leistung der bewerteten Unternehmen im Bereich der nachhaltigen Beschaffung tendenziell rückläufig, was angesichts der durch die COVID-19-Pandemie verschärften Lieferkettenrisiken und der Klimakrise Anlass zur Sorge gibt.

Während der Debatten um das Lieferkettengesetz hat sich der Return on Invest von Nachhaltigkeit längst gezeigt, und zwar in den verschiedensten Bereichen. Von der Arbeitgeberattraktivität, über immense Kosteneinsparungen, hin zu Umsatzsteigerungen, günstigere Kredit- und Zinsvergabebedingungen, verbesserte Lieferantenbeziehungen und bessere Kommunikation und damit mehr Widerstandsfähigkeit und besseres Change Management. Sowohl Einkaufsorganisationen wie auch Lieferanten, die Nachhaltigkeitsprogramme aufgesetzt haben, sind nachweislich besser durch die Krise gesteuert, als Unternehmen ohne.

Das Lieferkettengesetz ist ein regulatorischer Sprung auf den globalen Nachhaltigkeitszug, der gerade erst an Fahrt aufnimmt. Die EU wird verschärft folgen und zeitgleich mit dem EU Green Deal den Handlungsdruck im Bereich Umwelt- und Klimaschutz weiter verstärken – und dabei die Lieferketten im Fokus haben.

Bisher zeigt sich in den EcoVadis Daten das Thema Nachhaltige Beschaffung neben den Themen Ethik, Arbeits- und Menschenrechte und Umwelt als das Thema mit der schwächsten Leistung.

Betrachtet man die regionalen Ergebnisse im Bereich der nachhaltigen Beschaffung, so liegt Europa mit 42 Punkten im Jahr 2020 klar an der Spitze. Im Vergleich dazu sind die Werte in allen anderen Regionen in den letzten fünf Jahren gesunken. Der Führungsstatus der Region spiegelt die fortschrittlichen regulatorischen Entwicklungen wider, die im Hinblick auf die Sorgfaltspflicht in der Lieferkette stattfinden. Die nachhaltige Beschaffungsleistung ist in den vier größten Volkswirtschaften der EU (Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien) im Jahr 2020 gleich geblieben und hat sich in einigen Fällen sogar verbessert, während die Unternehmen in den nördlichsten Mitgliedstaaten – nämlich Schweden, Finnland und Dänemark – ihr bemerkenswert hohes und konstantes Bewertungsniveau in diesem Bereich beibehalten haben. Dies kann als Ergebnis eines langjährigen sozialen und politischen Engagements für den Klimaschutz verstanden werden und ist auch Ausdruck der nationalen regulatorischen Trends in Richtung einer obligatorischen Sorgfaltspflicht, wie sie kürzlich in Norwegen eingeführt wurde.

Eins muss klar sein: es gibt keine perfekte Vorlagen-Lösung für die Erfüllung des Lieferkettengesetzes, es gibt keine Beratungsfirma, keinen technologischen Lösungsanbieter, um alle Anforderungen abzudecken. Es braucht Change-Management, Know-How-Aufbau im Einkauf, die Umstrukturierung und Neudenken von Prozessen und Beschaffungskriterien, Supplier Engagement und neue, nachhaltigkeitsbezogene KPIs im Einkauf. Im Lieferkettengesetz aufgeführte Maßnahmen wie ein Lieferanten-Verhaltenskodex sind wichtig, ohne weiterführende Überprüfung eines aufgrund des Standorts, der Kategorie oder Ausgabenvolumen risikobehafteten Lieferanten bleibt der Code of Conduct unter Umständen aber tatsächlich bloßes Papier.

Kürzlich hat die Sektorinitiative “Together for Sustainability” ihr zehnjähriges Bestehen gefeiert. 2011 haben sich sechs Unternehmen zusammengetan, um Standards für nachhaltige Lieferketten in der chemischen Industrie zu schaffen. Mittlerweile sind 31 Unternehmen Teil der TfS und erzielen positive Auswirkungen in Bezug auf Risikominimierung und Nachhaltigkeitsverbesserungen in ihren Lieferketten. Die Mitgliedsunternehmen der TfS, aber auch andere Unternehmen im Markt, haben bereits einen Vorsprung an Know-How und Best Practices zum Nachhaltigkeitsrisiko und -management. Zusätzlich hat sich gezeigt: Je höher der Reifegrad der Nachhaltigkeitsprogramme ist, desto mehr Mehrwerte können erzielt werden. Unternehmen, die jetzt hingegen einen reinen Compliance-fokussierten Ansatz verfolgen und den Aufbau langfristiger nachhaltiger Beschaffungsprogramme vernachlässigen, werden spätestens mit der EU-Regulierung erneut aus der Kurve fliegen.


Bild: privat

Tanja Reilly

Senior Account
Executive, EcoVadis


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