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Eine Verkettung glücklicher Umstände

Die zukünftige Rolle der Blockchain in der Beschaffungslogistik
Eine Verkettung glücklicher Umstände

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Kleinere Losgrößen, höherer Individualisierungsgrad, schnellere Lieferzeiten: Die Beschaffungslogistik steht vor komplexen Herausforderungen. Dabei sind die beteiligten Partner, Kunden und Lieferanten meist nicht in die eigenen Prozesse integriert. Das kostet Zeit, Geld und ist eine nie versiegende Fehlerquelle. Durch den Einsatz von Blockchains kann sich das einfach ändern.

Was ist eine Blockchain? Es gibt viele Erklärungsversuche, meist von Technikern für Techniker geschrieben. Hier eine Definition für alle anderen: Eine Blockchain ist ein IT-basierendes Verfahren, mit dem Informationen fälschungssicher dokumentiert und an alle Beteiligten in Echtzeit verteilt werden kann. Das funktioniert bei digitalen Währungen wie dem Bitcoin ebenso wie bei der Nachverfolgung einer Lieferkette. Das Grundprinzip: Wenn ich Informationen schützen möchte, habe ich zwei Möglichkeiten. Entweder lege ich das entsprechende Dokument in einen Tresor und hoffe, dass der nicht eines Nachts geknackt wird. In diesem Fall muss ich jede Änderung manuell eintragen, was Fehler oder Manipulationen erlaubt. In der digitalen Welt entspräche der Tresor dem Einsatz von Firewalls und Zugangsbeschränkungen. Die zweite Möglichkeit: Ich verteile die Informationen in meinem gesamten Umfeld und sorge dafür, dass jeder über alle Änderungen sofort Bescheid weiß und diese auch überprüfen kann. Wer jetzt manipulieren möchte, müsste dies gleichzeitig bei allen Mitgliedern in der Community tun. Und das ist unmöglich.

Im Fall eines Beschaffungsvertrages funktioniert das so: Jede Transaktion erzeugt einen Informationsblock – ein Datenpaket. Unter Transaktionen können Dokumente, Vereinbarungen, Tabellen oder auch Bedingungen gemeint sein. Diese werden einzeln digital gespeichert und jeweils mit einer Prüfsumme versehen. Diese Prüfsumme wird in das nächste Datenpaket übernommen. Und dessen Prüfsumme in das folgende – so entsteht eine Datenkette, mit anderen Worten: eine Blockchain. Nachträgliche Änderungen fallen sofort auf, weil zum Beispiel die Änderung eines Dokumentes eine andere Prüfsumme zur Folge hätte und das gefälschte Dokument beziehungsweise Datenpaket damit nicht mehr in die Reihe passt. Diese wachsende Blockchain ist bei allen Beteiligten präsent. Die aktuelle Blockchain der Kryptowährung Botcoin ist beispielsweise 156 GB groß – kein Wunder bei der Vielzahl der Transaktionen. Beschaffungs-Blockchains sind dagegen deutlich kompakter.

Eine für alles

Momentan löst sich die Blockchain von ihrem ursprünglichen Anwendungsfall Kryptowährung und entwickelt sich zu einer technischen Lösung für transaktionsbasierende Prozesse. Der Vorteil: Mit einer Blockchain lassen sich zu jedem Zeitpunkt ein nachvollziehbarer, überprüfter und ganzheitlicher Systemzustand belegen. Es kann lückenlos festgehalten werden, welches Dokument zu welchem Zeitpunkt mit welchem Inhalt wem vorlag. Damit werden eine Vielzahl neuer Einsatzgebiete denkbar: vom Monitoring einer Kühlkette über die Fälschungssicherheit von Ersatzteilen bis hin zum industriellen Supply Chain Management.

Ein Blockchain kann aber mehr als „nur“
einen Systemzustand fälschungssicher zu belegen. Es können Bedingungen in die Chain geschrieben werden. Zum Beispiel: Hat der Lieferant just-in-time übergeben, erfolgt
automatisiert eine Zahlung. Oder andersherum: Bei Verzug unterbleibt die Zahlung, beziehungsweise werden automatisch vorher vereinbarte Rabatte abgezogen. Bei Mängeln kann die Chain sofort eine Ersatzlieferung beantragen. In diesem Fall spricht man von Smart Contracts. Auch das Rollen- und Rechtemanagement in der realen wie auch in der digitalen Welt lässt sich mit dem Verfahren in Echtzeit managen. Wird ein Recht entzogen, wird dies in der aktuellen Chain vermerkt und ab sofort nicht mehr berücksichtigt. So lassen sich auch unternehmensübergreifend Rechte managen. Es gibt bereits realisierte Einsatzbeispiele für solche Smart Contracts. So kann die Blockchain bei ausbleibenden Zahlungen zuerst die Motorleistung eines geleasten Lkws reduzieren. Bleiben die Raten weiterhin aus, kann sogar der elektronische Autoschlüssel vollautomatisch gesperrt werden.

Jeder weiß alles. Sofort.

Die überwiegende Anzahl der unternehmensübergreifenden Prozesse sind bisher nicht standardisiert digitalisiert. Eine Ausnahme bilden die marktbeherrschenden Logistik-Unternehmen wie DHL oder UPS. Anders sieht die Lage bei den KMUs aus: Der Branchenverband Bitkom schätzt, dass über 95 % aller unternehmensübergreifenden Prozesse nicht oder nur punktuell digitalisiert sind. Mit anderen Worten: Auftragsvergabe, Vertragsvereinbarungen und Statusüberwachungen werden über kostenintensive und fehleranfällige Kommunikationsmedien wie Fax, Telefon oder E-Mail abgewickelt. Um trotzdem immer kürzere Lieferzeiten zu garantieren, werden höhere Lagerkapazitäten vorgehalten. Mittelständische Einzel- und Kleinserienfertiger lagern mittlerweile durchschnittlich 20 % ihres Umsatzes in Warenbeständen als Reserve.

Vor allem aber sind die meisten bisherigen Stationen eines Beschaffungsprozesses nicht automatisiert, sondern werden manuell von Menschen angestoßen. Das bietet Raum für Flexibilität, kostet aber Ressourcen und Zeit. Darüber hinaus sind die Finanzprozesse in der Supply Chain meist vom eigentlichen Workflow entkoppelt. Heute werden immer noch mehr als 60 % der B2B-Transaktionen auf Papierrechnungen abgewickelt. Der Einsatz von Blockchains könnte dies ändern und zudem die verschiedenen Supply-Chain-Partner wie zum Beispiel Lieferanten, Hersteller, Händler, Logistik- und Finanzdienstleister integrieren.

Der Mehrwert liegt neben der Sicherheit auch in der Automatisierung. Dezentrale Steuereinheiten können via Blockchain autonome Dispositionsentscheidungen im Supply-Chain-Netzwerk treffen. Das bietet ein großes Potenzial zur Effizienzsteigerung vor allem im operativen und strategischen Einkauf. Auf diese Weise können im Lieferantennetzwerk Wertschöpfungsstammbäume über mehrere Stufen angelegt werden. Der Transparenzgewinn wäre für alle Beteiligten enorm.

Die Widerstände

Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter Weg. Nach einer weiteren Bitkom-Umfrage aus dem Herbst 2017 hat bis zu diesem Zeitpunkt gerade einmal ein Drittel der Automobilhersteller und -zulieferer (34 %) von der Blockchain als Technologie für den Unternehmenseinsatz gehört. Bei anderen aktuellen technologischen Trends sieht es besser aus: Big Data (96 %), 3D-Druck (92 %) oder Internet of Things (73 %) sind besser bekannt. Das ist das Ergebnis einer Umfrage unter 177 Vorständen und Geschäftsführern aus der Automobilindustrie mit 20 und mehr Mitarbeitern in Deutschland. Größter Hinderungsgrund für eine Einführung im eigenen Unternehmen sind die Kosten (60 %), die unklare rechtliche Situation (43 %) sowie das fehlende Know-how im Unternehmen (29 %). Gut jedes vierte Unternehmen (27 %) sieht bislang auch keine Notwendigkeit, die Technik zu nutzen. Das wird sich in absehbarer Zeit ändern. Vor allem dann, wenn die Global Players von ihren kleineren Lieferanten die Einführung von unternehmensübergreifenden digitalen Prozessen fordern.


Michael Grupp,
freier Fachredakteur, Stuttgart


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