Stahlpreisentwicklung aktuell – eine Analyse - Steigende Stahlpreise – „Dank“ der Grafit-Elektroden? - Beschaffung aktuell

Stahlpreisentwicklung aktuell – eine Analyse

Steigende Stahlpreise – „Dank“ der Grafit-Elektroden?

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In den letzten Wochen und Monaten war in der Fachpresse häufiger über Grafit-Elektroden als neuem Kostenfaktor in der Stahlherstellung zu lesen. Einige Stahlwerke berechnen auch tatsächlich bereits entsprechende Zuschläge, da die Elektrodenpreise von etwa 2500 USD/Tonne um mehrere 100 % angestiegen sind, teilweise ist von bis zu 30 000 USD/Tonne die Rede. Aber wie ist die Lage nun wirklich? Sind die Grafit-Elektroden tatsächlich der neue Kostentreiber der Stahlpreise?

Zunächst einmal ist festzuhalten, dass deren tatsächlicher Einfluss nicht in allen Bereichen so dramatisch ist wie teilweise befürchtet wird. Den verhältnismäßig noch größten Anteil an den Stahlherstellkosten haben die Grafit-Elektroden bei der Herstellung von Elektrostahl, wo die Elektroden im Lichtbogenofen zum Einsatz kommen. Aber selbst hier ist der Anteil an den Herstellkosten einer Tonne Stahl je nach Anlagenauslegung und -alter sehr unterschiedlich. Wir haben hier sehr unterschiedliche Werte für den Verbrauch von Elektroden gefunden. Sie beginnen bei 0,9 kg/Tonne Stahl, können aber durchaus auch bis hin zu 1,8 kg/Tonne Stahl steigen. Technologie und Alter der Anlagen haben hierauf einen wesentlichen Einfluss. Bei einem Elektrodenpreis von 2500 USD/Tonne, also etwa 2,50 USD/kg ergab sich damit bis etwa Anfang 2017 ein Kostenanteil von ca. 2,25 USD bis zu 4,5 USD je produzierter Tonne Elektrostahl.

Anstieg der Elektrodenpreise

Würden wir jetzt tatsächlich mit einem Elektrodenpreis von 30 000 USD kalkulieren ergäbe sich ein Anstieg auf 27 bis 54 USD je Tonne Stahl. Tatsächlich sind die proklamierten 30 000 USD aber ein Extremwert, der eventuell kurzfristig am chinesischen Spotmarkt realisiert wurde. Auf Basis von Rahmenverträgen – wie auch immer diese in Zukunft aussehen werden – einkaufende Stahlwerke werden diese Preise sicherlich nicht zu bezahlen haben. Einen Anstieg der Elektrodenpreise hat es aber unbestreitbar gegeben, selbst wenn wir nicht vom Spotmarkt ausgehen. Auch bei längerfristigen Verträgen gehen Experten von zwischenzeitlich deutlich gestiegenen Preisen im Vergleich zu Anfang 2017 aus, es wird allerdings eher mit Preisen unter 10 000 USD pro Tonne gerechnet. Aktuell liegen die Spotmarkt-Preise bereits wieder um die 8000 USD (www.graftech.com, Stand 23.01.2018), woraus sich eine Kostensteigerung im Bereich von 3 bis 10 USD pro Tonne Elektrostahl ableiten lässt.

Genau hingeschaut

Bezüglich Stahl aus der Hochofen-Route sieht es wiederum deutlich anders aus. Hier werden zwar ebenfalls Grafit-Elektroden eingesetzt, ihr Anteil an den Gesamtkosten ist jedoch deutlich geringer. Die Kostensteigerungen bewegen sich hier allenfalls im Bereich 0,3 bis 1,0 USD pro Tonne Stahl.

Ein weiterer maßgeblicher Faktor für die Preissituation bei den Grafit-Elektroden ist zudem die Einkaufsart und die Preisbildung. Die teilweise genannten Extrempreise von bis zu 30 000 USD/Tonne sind reine Spotmarkt-Preise. Diese entsprechen sicherlich nicht den Einkaufspreisen der meisten Stahlwerke, die ganz überwiegend auf längerfristigen (Jahres-)Rahmenverträgen basieren. Das bedeutet im Ergebnis, dass die tatsächlichen Preise der Stahlwerke deutlich unter dem genannten Extremniveau liegen. Abzuwarten bleibt jedoch in der Tat die zukünftige Entwicklung. Unklar ist etwa, ob sich von den Stahlherstellern zukünftig auch weiterhin Jahresrahmen – mit vollem Risiko bezüglich Materialkostenschwankungen auf Seiten der Elektrodenhersteller – durchsetzen lassen.

Aber was sind die Hintergründe?

In den letzten Jahren haben infolge des allgemeinen Preisverfalls und chinesischer Dumpingpreise Elektrodenhersteller weltweit ihre Kapazitäten deutlich reduziert. Im letzten Jahr wurden dann zusätzlich in China ca. 50 % der Kapazitäten infolge der immer bedeutender werdenden Umweltschutzanforderungen stillgelegt. Nach einer Credit-Suisse-Studie wurden damit weltweit insgesamt 25 Porzent der Kapazitäten abgebaut.

Zusätzlich haben viele der verbliebenen Elektrodenhersteller ihre Lagerbestände aufgrund der infolge des Preisverfalls schwierigen Situation heruntergefahren, um ihr working capital zu optimieren, sodass die verfügbare Angebotsmenge im Markt deutlich reduziert war.

Wie ist der Ausblick für Einkäufer von Stahl?

Im Sommer 2017 wurden Elektroden dann im Markt knapp und die Mengen konnten auch kurzfristig nicht wieder hochgefahren werden, da insbesondere Nadelkoks als wesentliches Vormaterial nicht sofort verfügbar war. Die Grafit-Elektroden werden aus einem Nadelkoks hergestellt, bei dem es in den letzten Monaten ebenfalls zu Engpässen kam.

Auch hier wurden beispielsweise in China Produktionsstätten aufgrund erhöhter Umweltanforderungen stillgelegt. Ergänzend haben Nadelkoksproduzenten ihre Mengen nach dem Absatzrückgang im Elektrodenmarkt der letzten Jahre nun in andere Märkte umgeleitet.

Im Sommer/Herbst 2017 waren einige Marktteilnehmer auf diese Situation offensichtlich nicht vorbereitet, was dann in der Folge zu erheblichen Preisanstiegen – insbesondere am Elektroden-Spotmarkt – geführt hat. Bevor ein Ofen stillsteht, werden eben kurzfristig auch Preise von mehreren 10 000 USD pro Tonne für Elektroden gezahlt. Der Verbrauch in der EU liegt jährlich bei etwa 226 000 Tonnen Grafit-Elektroden, wovon etwa 60 Prozent aus China stammen. Es liegt auf der Hand, dass aus diesem Grund auch Europa von den Schwankungen relativ stark getroffen worden ist.

Im Moment scheint sich die Lage schon wieder zu beruhigen. In den letzten Tagen und Wochen gab es in den Fachmedien keine Meldungen mehr über „Mondpreise“ für Grafit- Elektroden. Wenn dieses Argument von den Stahllieferanten aktuell dennoch für Preissteigerungen bemüht wird, sollte man hier genau hinschauen und die „echte“ Preiswirkung bewerten und hinterfragen. Erhöhte Preise sind zwar Realität, aber ich als Einkäufer muss auch nicht jeden Anstieg unreflektiert akzeptieren. Es kann zudem nicht (nur) zu meinem Nachteil als Einkäufer gereichen, wenn mein Lieferant nicht über einen strategisch aufgestellten Einkauf verfügt und sich deshalb zu überhöhten Preisen am Sportmarkt eindecken muss.

Mehr zum Thema „Stahl und Stahlbeschaffung“, insbesondere auch zu den aktuellen Stahlpreisentwicklungen, finden Sie auf der Website unseres Kompetenzpartners Stahl: www.stahl-kompakt.de.


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