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B2B-Plattformen für den Einkauf von Robotik und Automation

B2B-Plattformökonomie für die Robotik und Automation
Anwender und Anbieter von Robotern zusammenbringen

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Anwender sollen mithilfe der verschiedenen Plattformen ohne großen Aufwand und Know-how Roboter sowie weitere Automatisierungskomponenten finden, konfigurieren und ordern können. Bild: Tierney/stock.adobe.com
Die Plattformökonomie zieht als disruptives Beschaffungs- und Vertriebsmodell immer stärker in das B2B-Umfeld ein. Mit Playern wie Go2Automation, RBTX, Unchained Robotics oder Xito gilt das auch für die Bereiche Robotik und Automation. Was bieten die Robotik-Plattformen den Anwendern? Wodurch unterscheiden sie sich voneinander? Ein Überblick.

Armin Barnitzke, Automationspraxis, Konradin-Verlag, und Yannick Schwab, Beschaffung aktuell

Im Privatleben hat sich die Plattformökonomie bereits auf breiter Front durchgesetzt. Daher ist abzusehen, dass die Plattformökonomie auch im B2B-Bereich und damit auch im Umfeld von Robotik und Automation weiter Einzug hält. Auch die Branche wächst stetig weiter: Auf rund drei Millionen Einheiten beläuft sich der weltweite Bestand an Industrierobotern, berichtete die International Federation of Robotics (IFR) bereits im vergangenen Jahr. Das durchschnittliche jährliche Wachstum lag demnach bei 13 Prozent (2015 bis 2020).

„Die Geschäftsmodelle der Plattformökonomie haben in der Consumer-Industrie bereits zu drastischen Marktveränderungen geführt. Im B2B-Bereich stehen uns solche Anpassungen zwangsläufig bevor“, betont der Gründer der Robotik-Plattform Andugo (ehemals Go2Automation), Dirk Engelbrecht. „Diese Entwicklungen im B2B-Sektor wollen wir aktiv mitgestalten. Denn ansonsten werden uns die Hyperscaler aus den anderen Teilen der Welt die nächste Plattform und damit die Spielregeln der Geschäftsentwicklung vorsetzen.“

Der Plattformgedanke soll unter anderem den Einstieg in Robotik und Automation vereinfachen, wie Dr. Dennis Stampfer, Gründer der Robotik-Plattform Xito, betont: „Der Anwender möchte ja mit Robotern ein Problem lösen und daher bei selbigem abgeholt werden.“ Bislang ist der Zugang zur Robotik aber relativ schwer: Die fachliche Domäne ist komplex und der Markt unübersichtlich. Zugleich sind viele Anbieter stark spezialisiert und decken nur einen Bruchteil der Anfragen ab. Stampfer: „Diese beiden Seiten zusammenzubringen, gelingt am besten mit einem Plattformkonzept.“

Vernetzung steht im Vordergrund

Daher sind inzwischen mit Andugo, RBTX, Unchained Robotics und Xito gleich mehrere Robotik-Plattformen an den Start gegangen. Ihre Ziele sind ähnlich: Im Vordergrund steht die Vernetzung. Die Plattformen bringen Anwender und Anbieter auf einem Online-Marktplatz zusammen, sodass sich die Anwender eine passende Automatisierungslösung suchen und zusammenstellen können, wie Alexander Mühlens, Leiter Geschäftsbereich Automatisierungstechnik und Robotik bei Igus sowie verantwortlich für RBTX, erklärt: „Die Automations-Anbieter wiederum erhalten die Möglichkeit, auf dem Marktplatz ihre Produkte an ein größeres Publikum zu vermarkten und erschließen sich damit einen neuen Vertriebskanal. Eine Win-win-Situation für beide Seiten.“

Allerdings: Plattform ist nicht gleich Plattform. Denn im Detail unterscheiden sie sich dann doch mit ihrem Ansatz und dem jeweiligen Angebot.

Marktplatz bringt Angebot und Nachfrage zusammen

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Dirk Engelbrecht, Gründer und CEO bei Andugo.
Bild: Go2Automation

Mit seiner Plattform Andugo will der ehemalige Kuka-Vertriebsmitarbeiter Dirk Engelbrecht die Zusammenarbeit zwischen Anbietern und Anwendern im Maschinen- und Anlagenbau verbessern. Das Ziel ist es, Produktionstechnik problembezogen so einfach, schnell und zuverlässig zugänglich zu machen, wie sich „eine Küche zu konfigurieren“. Engelbrecht ist es gelungen, Plattformpartner wie den VDMA Robotik und Automation zu gewinnen. So wächst sein Netzwerk schnell: „Bereits mehr als 600 internationale Partnerfirmen sind aktiv mit dabei“, so Engelbrecht. Firmen wie Omron, Schunk, Weiss, Universal Robots, Engrotec oder Kuka präsentieren sich auf dem Marktplatz und arbeiten online mit ihren Kunden und Partnern zusammen. Anbietende Firmen vernetzen ihre Angebote innerhalb der Plattform. Sie referenzieren und qualifizieren ihre Partnerfirmen, heben Systemkompatibilitäten hervor und verknüpfen Produkte in Praxisbeispielen. Durch wenige Klicks entwickeln die Firmen ihr jeweils eigenes Ecosystem und eine globale, validierte Lösungsdatenbank.

Anwender – ob mit oder ohne Fachwissen – können diese Lösungen auf Andugo entdecken und die Anbieter direkt kontaktieren. Sind keine passenden Lösungen online, hilft die geführte Projektspezifikation: „Über eine künstliche Intelligenz werden die Spezifika mit den vorhandenen Portfolios sowie der Expertise registrierter Anbieter abgeglichen“, erläutert Engelbrecht. Die Kontaktdetails derjenigen Firmen, die am besten zu den Projektanforderungen passen, werden mit dem Auftraggeber geteilt. Um das Finden und Konfigurieren der richtigen Lösung weiter zu vereinfachen, verfeinert Andugo nicht nur die Algorithmen für das intelligente Matching, sondern integriert auch Tools von Drittanbietern, etwa Engineering- und Simulations-Tools.

Cobot-Marktplatz als Generalunternehmer

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Mladen Milicevic, Co-Gründer und Geschäftsführer von Unchained Robotics.
Bild: Unchained Robotics

Mladen Milicevic, Gründer von Unchained Robotics, agiert mit seiner Robotik-Plattform nicht nur als reiner Marktplatz, sondern tritt auch als Generalunternehmer auf. „Unchained Robotics ist viel mehr als ein reiner Online-Marktplatz, auf dem man seine Lösung zusammenstellen und kaufen kann. Wir begleiten als Generalunternehmer den Kunden durch den kompletten Prozess: von der ersten Information über Konfiguration und Bestellung bis hin zur Inbetriebnahme.“ Um Kunden – wenn gewünscht – bei der Inbetriebnahme zu unterstützen, nutzt Milicevic nicht nur seine eigene Robotik-Erfahrung, sondern auch ein Netzwerk aus Partnern wie Hahn Robotics oder Alexander Bürkle Robotic Solutions. Milicevic: „Kunden bekommen auf unserer Plattform eine komplette Lösung oder aber nur Roboter und Komponenten fürs Do-it-yourself – ganz wie sie möchten.“ Egal ob nun DIY oder Komplettlösung: „Kunden haben mit Unchained Robotics nur einen Ansprechpartner für ein One Stop Shopping.“

Auf seiner Plattform hat Unchained Robotics einige namhafte Anbieter von Robotern und Cobots versammelt, darunter Universal Robots, Omron, Doosan, Denso, Hanwha, Aubo Robotics, Yuanda, Kassow Robots oder Dobot. Vor allem in Sachen Cobots bietet Unchained Robotics einen guten und transparenten Überblick. Bei jedem Cobot ist der Listenpreis hinterlegt, sodass man schnell weiß, um welche Größenordnung es geht. Hinzu kommen Greifer sowie Kameras und weiteres Zubehör. Ein Konfigurator erleichtert das Zusammenstellen der passenden Lösung. Zudem findet man auf dem Marktplatz auch ein wachsendes Angebot an fertigen Turnkey-Lösungen.

KMUs können sich so bei der Suche nach dem passenden Cobot informieren, vergleichen und das Konfigurations-Tool nutzen. „Via Software erhalten sie dann erste Empfehlungen, welche Produkte zu ihrem Problem passen“, sagt Milicevic. Zudem biete man auf der Plattform eine digitale Beratung an: „Wir haben einen Live-Chat, der von echten Menschen und nicht von Chatbots betreut wird. Da haben wir schon viele spannende Probleme diskutiert.“

Low-Cost-Robotik mit Expertenberatung

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Alexander Mühlens, Leiter des Geschäftsbereichs Automatisierungstechnik und Robotik bei Igus und verantwortlich für RBTX.
Bild: Igus

Der Igus-Ableger RBTX konzentriert sich mit seiner Plattform auf das Einstiegssegment, also kostengünstige Low-Cost-Robotik für wenige Tausend Euro mit kurzen Amortisationszeiten. „Übliche Hardwarekosten liegen bei 8500 Euro für Robotik-Komponenten zum selbst Zusammenbauen“, berichtet Mühlens. „Fertige Plug-and-play-Lösungen starten bei 12.500 Euro.“ Das Grundgerüst von RBTX bilden Roboterkinematiken verschiedener Anbieter: Neben kostengünstigen Robotern von Igus selbst (Portalroboter, Deltaroboter, Robolink-Knickarmroboter, Rebel-Cobot) findet man auf der Plattform auch Roboter von Fruitcore Robotics, Epson und Variobotic. Diese Basis kann im nächsten Schritt um Einzelkomponenten wie Kameras, Software, Greifer, Leistungselektronik, Motoren, Sensoren und Steuerungen erweitert werden.

Beim Zusammenstellen unterstützt der Konfigurator „My Robot“, der dann auch die Kompatibilität der ausgewählten Produkte garantiert. Gemäß dem Ansatz „build or buy“ finden Interessenten aber auch fertige Robotik-Systeme inklusive Steuerung zum Festpreis. Aktuell sind etwa 70 Partner auf der Plattform vertreten. „Der Interessent muss nicht zeitintensiv jede einzelne Komponente recherchieren und weiß am Ende nicht, ob diese auch hundertprozentig miteinander funktionieren. RBTX stellt eine Funktionalität auf Software- und Hardware-Ebene sicher. Wir senken damit die Integrationskosten und das Risiko“, betont Mühlens.

Zudem bietet RBTX mit dem RBTXpert-Angebot eine persönliche Hilfestellung: „Für Automatisierungseinsteiger, die zwar wissen, was sie automatisieren möchten, aber sich nicht sicher sind, welche Lösung am besten für sie passt, steht die kostenlose Videoberatung RBTXpert zur Verfügung. Unsere Experten zeigen direkt live an Roboterlösungen, welche Komponenten der Anwender benötigt und wie er das Projekt umsetzen kann. Am Ende erhält er ein Angebot mit Festpreis.“ So werde die Plattform zu einem hybriden Business, verspricht Alexander Mühlens. „Wichtig ist für uns, dass der Marktplatz nicht nur ein reines Online-Tool ist, sondern dass der Kunde auch immer die Möglichkeit hat, sich persönlich bei uns kostenfrei informieren und beraten zu lassen.

Kombination aus Marktplatz und offenem Baukasten

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Dr. Dennis Stampfer, CEO bei Toolify Robotics und Betreiber von Xito.
Bild: Toolify Robotics

Einen deutlich stärker technikbasierten Ansatz wählt die Plattform Xito, die Dr. Dennis Stampfer, CEO des Forschungs-Spin-off Toolify Robotics, betreibt: „Xito ist eine Kombination aus einem Marktplatz mit einem offenen Baukastensystem samt integriertem Low-Code-Engineering-Werkzeug – also mehr als nur ein Robotik-Onlineshop oder Branchenverzeichnis fürs Matchmakings.“ Knapp ein Jahr nach dem Start versammelt die Plattform bereits 80 Produkte von über 50 Anbietern.

Generell fokussiert sich Stampfer mit Xito auf „moderne Robotik“, also Leichtbauroboter und Cobots sowie autonome mobile Roboter. Dabei sei die Plattform als offenes Ökosystem technologie- und herstellerneutral. „Anwender sollen bei uns das bekommen, was in Sachen Preis oder Funktion am besten passt – und nicht, was gerade zufällig kompatibel ist“, betont Stampfer. Für diese Kompatibilität sorgt ein modellbasierter Software-Ansatz im Hintergrund. Das System erstellt zunächst ein „digitales Modell“ des jeweiligen Robotik-Bausteins und sorgt so dafür, dass dieser Baustein dann mit allen anderen zusammenpasst. Die Xito Engineering Suite erlaubt dann die Kombination dieser Bausteine dank des modellbasierten Low Code Engineering ganz ohne Programmieren. Weil die Bausteine und ihre Schnittstellen in Xito digital modelliert sind, können die Anwender die Robotik-Bausteine einfach und übersichtlich mit einem grafischen Applikationsdesign-Tool zu einem Gesamtsystem zusammensetzen. Zum Einrichten der Anwendung verwendet der Kunde in der Low-Code-Entwicklungsumgebung die „Skills“, die ihm die Bausteine bieten. Er kann Fähigkeiten wie Erkennen, Greifen oder Ablegen in der gewünschten Reihenfolge zu einer Anwendung modellieren – ohne kompliziertes Robotik- und Programmier-Know-how.



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