Uwe Günther, CPO Deutsche Bahn: „Ich will fairen Wettbewerb“

Uwe Günther, CPO der Deutschen Bahn

„Ich will grundsätzlich fairen und transparenten Wettbewerb“

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Bahn-Einkaufschef Uwe Günther lässt sich nach eigener Aussage von den derzeitigen Herausforderungen des Konzerns „emotional nicht aus der Ruhe bringen“. Im Gespräch mit Sabine Ursel redet der 61-Jährige Klartext in Sachen Kostenziele, Lieferanten- und Personalstrategien.

Beschaffung aktuell: Herr Günther, holt Vorstandschef Dr. Richard Lutz Sie jetzt öfter an den Vorstandstisch?
Uwe Günther: Das muss er nicht, wir arbeiten seit langem eng zusammen. Herr Dr. Lutz und alle anderen Vorstände lassen sich laufend über unsere Einkaufsinitiativen informieren, und wir sprechen oft auch über Lieferantenmanagement und Warengruppenstrategien.

Beschaffung aktuell: Was bedeutet die derzeitige Finanzsituation des Konzerns für Ihre Einkaufstätigkeit?
Günther: Es gibt eine qualifizierte Ausgabensteuerung und keinen Ausgabestopp, wie zu lesen war. Das heißt, wir führen fort, was bei uns in der Beschaffung sowieso schon gelebte Wirklichkeit ist: Wir schauen im Verwaltungsapparat auf alle Kostenstränge und kritisch auf jede Ausgabe, etwa bei IT, Büromaterial, Mobilfunk und Reisekosten. Wir wollen, dass die Kollegen über jeden Euro nachdenken. Aber unsere Investitionen werden nicht generell zurückgefahren; alle betrieblich notwendigen Ausgaben werden getätigt. Wir gewährleisten weltweit die wirtschaftliche, termin- und qualitätsgerechte Versorgung der Geschäftsfelder mit Material, Investitionsgütern und Dienstleistungen. Damit sichern wir die Innovationsfähigkeit und den nachhaltigen Erfolg der DB am Markt.

Beschaffung aktuell: Müssen jetzt auch Lieferanten nachlegen?
Günther: Ja, in der Lieferperformance. Die Maßnahmen betreffen weder den Bahnbetrieb noch den Investbereich. Wir werden genauso viel am Markt platzieren wie angekündigt. Eine qualifizierte Ausgabensteuerung ist nicht ungewöhnlich, und sie findet nicht zum ersten Mal statt. Das ist auch bei anderen großen Unternehmen üblich. Wir gehen im Übrigen mit ganz anderen Herausforderungen um.

Beschaffung aktuell: Welche sind das?
Günther: Das sind zum Beispiel das hemmende öffentliche Vergaberecht und langwierige Planungsprozesse. Wir warten bei großen Projekten teilweise mehrere Jahre, bis endlich eine Vergabe erfolgen kann.

Beschaffung aktuell: Welche Rolle spielt der Preis bei der Deutschen Bahn?
Günther: Der Preis allein ist nicht mehr das entscheidende Zuschlagskriterium. Wir brauchen Leistungen, die sich an Qualität, Logistik, Innovation, Nachhaltigkeit und Kosten ausrichten. Bei Fahrzeugen spielt der Preis nur noch zu 50 Prozent eine Rolle. Nur so bekommt man langlebige, qualitativ hochwertige und innovative Produkte.

Beschaffung aktuell: Hat sich die Zusammenarbeit mit den internen Abteilungen geändert?
Günther: Ja. Techniker, Qualitätsingenieure, Bedarfsträger und Einkauf beschließen Warengruppenstrategien gemeinsam. Das ist ein umfassender Prozess. Ich erwarte, dass Strategien lange vor der Ausschreibung abgestimmt sind. Ansonsten eskaliert das zu mir oder gar zum Vorstand. Wenn wir Verkehrsverträge gewinnen wollen, müssen wir und unsere Lieferanten in der Lage sein, langfristig zu reagieren.

Beschaffung aktuell: Gemeinsam mit dem Bahnsektor möchte die Deutsche Bahn mit der Digitalisierung des gesamten Schienennetzes die Kapazitäten im Zugverkehr um bis zu 20 Prozent erhöhen und damit tausende zusätzliche Züge am Tag ermöglichen. Was bedeutet die Initiative „Digitale Schiene Deutschland“ für den Einkauf?
Günther: Wir wollen Endkunden bessere Services bieten, eine höhere betriebliche Qualität erzielen und bedeutend mehr Pünktlichkeit erreichen. Das schaffen wir nur, wenn wir mit digitaler Technologie Infrastruktur und Fahrzeuge miteinander vernetzen und zum Beispiel mit Sensoren Daten für die Instandhaltung übermitteln.

Beschaffung aktuell: Wobei hilft digitale Technologie? Nennen Sie bitte ein Beispiel.
Günther: Eine nicht funktionierende Weiche führt dazu, dass unter Umständen in der Stunde zehn bis zwölf Züge nicht fahren können. Durch Predictive Maintenance erkennen wir, wann eine Weiche kaputt geht. Wir können dann sofort handeln. Unsere virtuelle Diagnose- und Analyseplattform „Diana“ generiert täglich Meldungen, welche Produkte in welchem Zustand sind.

Beschaffung aktuell: Wie weit sind Sie auf Ihrer Digitalisierungs-Roadmap? Im vergangenen Jahr hakte es im Bereich des Shared Service Centers Kreditorenbuchhaltung.
Günther: Wir konzentrieren uns derzeit auf den Procure-to-Pay-Prozess, der aus meiner Sicht schon gut organisiert ist. Wir können zeitnah Zuschläge erteilen und bei ordentlich erbrachter Leistung auch pünktlich zahlen. Im Bereich Buchhaltung und Shared Service Center hatten wir 2017 in der Tat etliche Herausforderungen, die wir aber gut bewältigt haben. Heute gibt es mit der Buchhaltung gemeinsame Teams. Ziel ist ein End-to-End- und No-Touch-Prozess von der Bedarfsentstehung und technischen Definition über die Ausschreibung nach öffentlichem Vergaberecht und Zuschlagserteilung bis zur Überwachung der Lebensdauer eines Produkts.

Beschaffung aktuell: Wie ist Ihr elektronisches Einkaufssystem aufgebaut?
Günther: Unsere IT-Tools orientieren sich an Standards. So basiert das zentrale Einkaufssystem auf SAP. Ein weiterer Kern ist unser ähnlich wie Amazon aufgebauter Click2Shop mit 3,5 Millionen Produkten. Sukzessive erweitern wir ihn durch neue Kataloge auf mehr als 20 Millionen Artikel. Bis 2020 wollen wir 80 Prozent aller Bestellungen elektronisch bis zur Bezahlung abwickeln.

Beschaffung aktuell: Was erwarten Sie von Lieferanten beim Belegaustausch? Ist EDI Pflicht?
Günther: Wer heute am internationalen Markt bestehen will, muss sich mit neuen Technologien auskennen, da ist EDI nur ein Beispiel. Wir akzeptieren heute noch eingescannte Rechnungen. Im Laufe dieses Jahres hatten wir bisher 13.600 Kreditoren. Mit 548 haben wir 80 Prozent des Volumens abgebildet.

Beschaffung aktuell: Das heißt, Sie setzen vornehmlich auf Große?
Günther: 2018 bearbeiten wir 1,2 Millionen Bestellungen bei einem Volumen von 20 Milliarden Euro, inklusive DB Schenker und DB Arriva. Wir bündeln hier übergreifend. Gerade schreiben wir die komplette IT-Hardware aus. Generell setzen wir auf hohe Bündelung, langfristige Rahmenverträge und konzentrieren uns auf Systemanbieter mit eisenbahnspezifischem Know-how. Große Ausschreibungen, wie die Strecke von Berlin nach Rostock oder der Fildertunnel im Projekt Stuttgart 21, geben wir komplett an den Markt. Das ist Teil der Warengruppenstrategie, und die Firmen haben sich darauf eingestellt.

Beschaffung aktuell: Gilt das auch für den Fahrzeugmarkt?
Günther: Ja, aber hier gibt es viel weniger Anbieter als im Sektor Infrastruktur. Bei unserem Flaggschiff, dem ICE 4, gestaltet Siemens die Supply Chain und liefert uns als Hauptlieferant den ganzen Zug. Bombardier und Faiveley liefern Siemens als Sublieferanten beispielsweise Wagenkästen und Bremsen.

Beschaffung aktuell: Welche Auswirkungen hat der Bauboom auf Ihre Tätigkeit?
Günther: Wir bekommen für manche Ausschreibungen kein Angebot, weil Baufirmen schlichtweg keine Zeit haben oder am Volumen nicht interessiert sind. Dann versuchen wir entweder kleinere Lose zu schnüren oder größer zu bündeln. Um Firmen zu motivieren, haben wir jetzt beispielsweise unseren Bedarf an Weichen für sechs Jahre ausgeschrieben. Die DB möchte A-Kunde sein, um überall die beste Qualität zu bekommen. Darum verfolgen wir auch den Systemansatz.

Beschaffung aktuell: Wie wird man bei Ihnen zum idealtypischen Systemlieferanten?
Günther: So mancher bedeutende Zulieferer ist mit uns gewachsen. Ein Beispiel ist die Spitzke SE – vor 15 Jahren noch eine kleine Baufirma mit 50 Leuten und heute mit ungefähr 2000 aktiv. Hier hat man sich im Laufe der Jahre spezialisiert, Maschinen gekauft und im Bereich Oberleitung eine Akquisition getätigt. Oberleitungen gehören bei unseren Komplettvergaben dazu.

Beschaffung aktuell: Wo sind Sie in der Lage, Wettbewerb zu gestalten?
Günther: Ich will grundsätzlich mehr Wettbewerb, das gilt für alle Bereiche. Single Sourcing soll es nicht mehr geben, um Abhängigkeiten zu vermeiden. Wir betrachten im Einkauf immer den weltweiten Markt, auch Asien. Das führt zu mehr Wettbewerb und Versorgungssicherheit.

Beschaffung aktuell: Wie weit sind Sie mit der Qualifizierung der Lieferanten in Asien?
Günther: Wir müssen alle Lieferanten überall dazu bringen, höchste Qualität just in time zu erbringen. In Asien dauert das unter Umständen etwas länger. Deshalb haben wir auch im Jahr 2015 ein International Procurement Office in Shanghai eröffnet. Wir haben aus einem Pool von über 300 Lieferanten rund 30 ausgewählt. Die werden den gleichen Anforderungen unterzogen wie in Deutschland. Da machen wir keine Abstriche. Lokale Herkunft spielt keine Rolle mehr. Die chinesischen Firmen wollen sich den Anforderungen stellen, auch in Sachen Ausschreibungen und Qualität.

Beschaffung aktuell: Wer qualifiziert bei der Deutschen Bahn?
Günther: Die Zusammenarbeit von Technik, Qualitätssicherung und Einkauf macht uns stark. Etwa 250 Kollegen im Einkauf kümmern sich ausschließlich um das Supplier Quality Management. Wir erscheinen auch schon mal zur Kontrolle in der Nachtschicht bei Schwellenherstellern.

Beschaffung aktuell: Sie wollen den Status „World-Class Procurement“ erreichen. Wo stehen Sie jetzt?
Günther: Wir arbeiten in crossfunktionalen Teams im Einkaufsnetzwerk. Das bezieht sogar den Vorstand ein. Über klar definierte Prozesse und eindeutige Bekenntnisse in der Warengruppenstrategie wollen wir zu einer World-Class-Organisation wachsen. Zweimal haben wir uns dem Benchmark bereits unterzogen. Von 500 Unternehmen weltweit hat derzeit gerade mal ein Prozent den Status „World-Class“. 25 Prozent wird „Professionell Procurement“ bescheinigt; das haben wir jetzt erneut erreicht. Das ist gut, aber macht uns noch nicht zufrieden. Wir haben uns einzelne Cluster gesetzt, in denen wir besser werden können. Etwa bei der Steuerungsexzellenz. Jeder Mitarbeiter hat KPIs, an denen er sich und seine Lieferanten messen kann.

Beschaffung aktuell: Welche Maßnahmen gestalten Sie für Ihre Mitarbeiter?
Günther: Vor vier Jahren haben wir beispielsweise das Institute of Procurement gegründet. Es gibt ein Ausbildungs- und ein Entwicklungsprogramm für den strategischen Einkauf. Innerhalb von drei Jahren müssen alle Mitarbeiter, auch Führungskräfte, bestimmte Module absolvieren. Dazu gehören regelmäßige Verhandlungstrainings, aber auch der Umgang mit digitalen Technologien. Ich erwarte zudem, dass jeder seine Produkte genau kennt, für die er verantwortlich ist.

Beschaffung aktuell: Und was tun Sie, um gute Leute zu gewinnen und zu halten?
Günther: Es muss sich keiner Sorgen um seinen Arbeitsplatz machen. Es herrscht Fachkräftemangel und der Altersschnitt ist nach wie vor zu hoch bei der Bahn. Personalmanagement ist das wichtigste Werkzeug für unsere Führungskräfte. Mit neuen Tools steigt auch die Begeisterung bei jungen Leuten, bei der Eisenbahn zu arbeiten, und wir kriegen mittlerweile auch die besten. Führungskräfte sollen Mitarbeitern eine Arbeitsumgebung schaffen, in der sie die besten Leistungen erbringen können.

Beschaffung aktuell: Wie sieht so eine Umgebung aus?
Günther: Flexibel, herausfordernd und teamorientiert. Und damit meine ich nicht die Ausstattung mit Laptops. Wir haben die zwingende Zeiterfassung abgeschafft. Denn ich will nicht Anwesenheit messen, sondern Arbeitsergebnisse. Der Mitarbeiter wählt selbstständig seinen Arbeitsort, egal ob im Home-Office, beim Bedarfsträger oder beim Lieferanten. Im Büro hat dann keiner mehr einen festen Schreibtisch. Außerdem bringt das Flächeneinsparung. Ich bin mit meinen Führungskräften sehr zufrieden. Entsprechendes Feedback gibt es aktuell durch die konzernweite Mitarbeiterbefragung.

Das Interview führte Sabine Ursel, freie Journalistin in Wiesbaden.


Der Mann

Uwe Günther

Geboren in Ludwigsfelde bei Berlin, bringt Uwe Günther Erfahrung aus Unternehmen wie Rolls-Royce Aerospace und Siemens Rail Automation ein. Seit 2007 ist er bei der Deutschen Bahn. Knapp sieben Jahre leitete er den Bereich Beschaffung Infrastruktur. Mitte 2014 wurde er zum Leiter Beschaffung/CPO Deutsche Bahn AG berufen.


Hintergrund

Das Vergaberecht …

  • für Liefer- und Dienstleistungen: 221.000 €
  • für Bauleistungen: 5.548.000 €

Mehr zur Vergabekammer gibt‘s online.


„Der Preis allein ist nicht mehr das entscheidende Zuschlagskriterium.“

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