Lydia Bals, Professorin an der Hochschule Mainz 

„Supply Chain Finance bietet viele neue Facetten für den Einkauf “

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Seit fünf Jahren vermittelt Lydia Bals an der Hochschule Mainz im Fachbereich BWL Hardfacts in Sachen Supply Chain & Operations Management. Das Rüstzeug erwarb sie zuvor im strategischen Einkauf bei Bayer. Im Interview berichtet die 36-Jährige von Trends in Wissenschaft und Unternehmen.

Beschaffung aktuell: Frau Bals, Sie sind nach acht Monaten Forschung in den USA zum Bayer-Konzern gegangen. Mit 28 Jahren haben Sie dort bereits eine Stabsabteilung geleitet. Keine Selbstverständlichkeit …

Lydia Bals: Nein, das war etwas Besonderes. Das war immer mein Ziel, aber zu dem Zeitpunkt habe ich sicher noch nicht damit gerechnet. Ich habe bei der Bayer Business Consulting in Leverkusen innerhalb von drei Jahren zwölf Projekte durchgeführt. Im Anschluss habe ich bei CropScience in Monheim als Head of Procurement Solutions im Global Procurement den CPO bei der Strategieausrichtung beraten. Die meisten meiner Kollegen im Führungskreis des Einkaufs waren mindestens 15 Jahre älter. Es hat dort sehr gut funktioniert im Team. Es war breites Fachwissen vorhanden und ich habe viel gelernt. Auch meine Mitarbeiter waren fast alle um einiges älter. Als ich schon weg war, hat mich ein Mitarbeiter gebeten, trotzdem noch sein 40. Dienstjubiläum auszurichten, das hat mich sehr gefreut.

Beschaffung aktuell: Der Bayer-Konzern hat ja traditionell ein Herz für Forschung, richtig?

Bayer: Ja. Bayer will wissen, welche Trends sich in die Praxis übertragen lassen. Ich wurde für einige Tage im Jahr für Forschungskonferenzen freigestellt. Die Copenhagen School hat das Budget für Konferenzen gestellt. Eine solche Möglichkeit hätte ich bei anderen Unternehmen nicht bekommen. Ich kann den Studierenden heute authentisch von den Widrigkeiten des Praxisalltags berichten, aber genauso von spannenden Projekten wie Reorganisation und Gesprächen mit dem Betriebsrat.

Beschaffung aktuell: Wie kam es zum Wechsel an die Hochschule?

Bals: Mein Mann kam gerade von einem Projekt aus Indien ins Rhein-Main-Gebiet zurück. In einem Newsletter der Copenhagen School sah ich die interessante Ausschreibung der Hochschule Mainz für eine neu geschaffene Professur für Produktion, Logistik und Einkauf. Eine Hochschule hat den Vorteil, dass man viel Gestaltungsspielraum für Forschung, Lehre und Praxis hat.

Beschaffung aktuell: Sie sind auf Lebenszeit berufen. Welche Schwerpunkte wollen Sie in den kommenden Jahren setzen?

Bals: Die Praxis werde ich nicht vernachlässigen, aber mein Fokus liegt in den nächsten fünf Jahren eher auf Forschung und Lehre. Spannend war beispielsweise ein gemeinsames Forschungsprojekt mit unserer argentinischen Partnerhochschule in Buenos Aires. Wir haben untersucht, wie die Einkäufer- und die Lieferantenseite bei outgesourcten Projekten agieren und welche Faktoren zu echten Erfolgen beitragen.

Beschaffung aktuell: Geben Sie bitte einen kurzen Steckbrief ihres Fachbereichs.

Bals: Knapp 3000 Studierende sind derzeit im Fachbereich BWL eingeschrieben. Ich biete neben Grundlagenvorlesungen zu Supply Management und Operations zusätzliche Angebote zu Beschaffung und Logistik auf freiwilliger Basis an. Die Studierenden lernen mich im Rahmen ihres BWL-Studiums schon im zweiten Semester kennen, dann haben sie wieder einen anderen Fokus. Knapp 40 haben am Ende ihre Bachelor- oder Masterarbeit bei mir geschrieben, das sind erfreulich viele. Immerhin rund zehn sind im Einkauf gelandet. Ich habe viele wissbegierige Junge kennengelernt, aber auch viele engagierte ÄItere auf dem zweiten Bildungsweg.

Beschaffung aktuell: Die Motivation hängt sicher davon ab, wie authentisch und praxisnah Hochschullehrer vermitteln können. Warum geht jemand an eine Hochschule und nicht an die Universität?

Bals: Ein Vorteil sind die kleinen Gruppen. Wir beginnen im ersten Semester mit rund 40 Studierenden. Das Ganze hat seminaristischen Charakter, hier kann sich jeder in die Vorlesung einbringen. Es wechseln auch immer wieder Studierende von der Uni zur Hochschule; sie sind hier motivierter, wie sie berichten. Sie schätzen das Verschulte und auf der anderen Seite die lebendigere Wissensvermittlung. Hinzu kommen die zahlreichen Praxiskontakte in die Wirtschaft. Jeder Professor war lange in Unternehmen verantwortlich und erweitert so das Netzwerk. Die Hochschule kooperiert aktiv mit über 400 Unternehmen. Sehr stark auch in puncto Lehre, denn circa 1000 Studierende absolvieren derzeit bei uns ein Teilzeitstudium, sie sind also unter der Woche hauptsächlich praktisch tätig. Dieses berufsintegrierte Studium gibt es hier tatsächlich schon seit 1977. Das zeigt: Wir haben keine Probleme, Wissenschaft und Praxis zusammenzubringen.

Beschaffung aktuell: Dennoch reden in der Supply Community nicht immer alle eine Sprache. Warum haben es weder Hochschulen und Verbände noch die Praxis geschafft, einheitliche Begriffe zu definieren? Procurement, Purchasing und P2P haben scheinbar für jeden Akteur der Community eine andere Bedeutung. Ich halte das für wenig hilfreich. Wenn man seine besondere Verantwortung für die Wertschöpfung betonen und Talente ansprechen will, sollte man zumindest auf eine einheitliche Nomenklatur verweisen können.

Bals: Ja, das sorgt in der Tat immer wieder für Verwirrung. Die Evolution dieser vergleichsweise jungen Hochschuldisziplin hat bisher noch nicht zur Vereinheitlichung geführt. Unternehmen verwenden heute vielfach den Begriff Procurement. Die Wissenschaftsseite spricht vom Oberbegriff Purchasing and Supply Management. Wir unterscheiden den Prozess zwischen Procure to Pay, also von Beschaffung bis Bezahlung, Source to Contract als strategischem Teil und Purchase to Pay als operativem Teil.

Beschaffung aktuell: Ich lege nochmal nach: Purchase to Pay und Procure to Pay wird jeweils P2P abgekürzt … Hinzu kommt die Unschärfe bei Einkauf, Beschaffung, Materialwirtschaft, Supply Management, Supply Chain Management, Materialfluss und Logistik. Der Verband BME führt den Logozusatz Logistik seit Ende der 70er-Jahre im Namen, lebt diese Disziplin aber bis heute vorrangig als Einkauf logistischer Dienstleistungen.

Bals: Ich gebe Ihnen recht: Eine Institution wie der BME hätte viel Aufwand abnehmen können. Das hätte dem Reifegrad einen Schub gegeben. Mein Aha-Erlebnis dazu: Als ich an der Hochschule angefangen habe, sagten die Kollegen der anderen Fachbereiche: „Hier kommt die neue Frau für Logistik“. Aber nochmal: Andere Disziplinen haben eine längere Historie, sind schärfer in den Abgrenzungen und erscheinen darum heute relevanter.

Beschaffung aktuell: Die Unschärfe findet sich auch in Jobprofilen und Stellenanzeigen wieder. Wenn Personalabteilungen und Einkäufer nach einem Commodity Manager suchen, fehlt einem potenziellen Bewerber nicht selten der Hinweis, ob der Job im strategischen Einkauf angesiedelt ist.

Bals: Aus diesem Grund habe ich Profile entwickelt, die Auskunft darüber geben, welche Hauptkompetenzen welchen konkreten Aufgaben und Tätigkeiten zuzuordnen sind. Die Einkaufsabteilung und Personalabteilung eines Bauunternehmens in Bremen waren dafür sehr dankbar. Übrigens ist auch die Organisation an sich oft nicht eindeutig beschrieben. Gemeinsam mit internationalen Kollegen haben wir einen Standard entwickelt, wie man die Ausrichtung der Einkaufsorganisation unterscheiden kann, nämlich nach den vier Kategorien Warengruppen, Geschäftseinheiten, Aktivitäten und Geografie. Das macht jede Diskussion erheblich leichter. Ich habe auch ein Verfahren entwickelt, welche Kategorie passt. Was historisch gewachsen ist, ist heute oft nicht mehr praktikabel, etwa wenn Akquisitionen getätigt wurden oder werden. Auch das vielfach propagierte Modell, wonach am besten nach Aktivitäten zu schneiden ist, kann ich nicht uneingeschränkt unterstützen. Man muss genau auf den Einzelfall schauen.

Beschaffung aktuell: Welche Trends werden derzeit weltweit in der Wissenschaft diskutiert?

Bals: Das sind Digitalisierungsfragen, Kompetenzen und Profile, das Dauerbrennerthema Lieferanteninnovation und neuerdings wieder der Bereich Supply Chain Finance. Die Zusammenarbeit zwischen Einkauf und Finanzabteilung ist eine der letzten Bastionen, hier gibt es mittlerweile viele neue Ansätze. Die Bank als Zwischeninstanz beim Reverse Factoring ist der Klassiker. Eine neue Möglichkeit ist der Einbezug von Logistikdienstleistern. Denn spannend ist die Frage, welche Bestände wer über die Supply Chain hinweg wann halten sollte. Auch viele Mittelständler interessieren sich mittlerweile für neue Konzepte, bei denen sich Bereiche aus der Bilanz herausrechnen lassen, indem zum Beispiel ein Logistikdienstleister die Ware in seine Bilanz nimmt, bis sie endgültig ausgeliefert wird. Ich empfehle dem Einkauf darum, sich mit den Möglichkeiten von Supply Chain Finance auseinanderzusetzen. Das setzt aber eine enge Zusammenarbeit mit dem Finanzbereich voraus. Hier muss man auf Augenhöhe diskutieren können.

Beschaffung aktuell: Wonach orientieren Sie sich persönlich im Ranking der Wissenschafts-Community?

Bals: Gerankt sind die Journals, nicht die Professoren. Ich orientiere mich am übersichtlichen Ranking der Deutschen Hochschullehrer für Betriebswirtschaftslehre, VHB. Hier wird die wissenschaftliche Qualität einer Zeitschrift als das Ausmaß für wissenschaftliche Qualität definiert. Es gib kein einheitliches weltweites Ranking von Personen. Deutschland hat gegenüber den USA eine viel kürze Tradition bei veröffentlichten Artikeln bzw. Papers, wir sehen das hier weniger dogmatisch. Ich halte Rankings für brauchbar, man gibt damit der jüngeren Generation eine Vorgabe. Auf der anderen Seite haben innovative Themen und so manch spannende Auftragsforschungsarbeit oft weniger Chancen, in einem A- oder A+-Journal veröffentlicht zu werden. Der Apparat dieser Medien mit Editoren und Gutachtern ist oft eher konservativ ausgerichtet.

Beschaffung aktuell: Was haben Unternehmen eigentlich von rein statistischen Auswertungen eines angehenden Doktors oder Professors? Und oft wird ja eine These formuliert, die es dann lediglich zu bestätigen gilt. Mit recht wenig ableitbarem Nutzen für die Praxis, oder?

Bals: Solche Arbeiten gibt es. Aber in der Regel will man eruieren, was tatsächlich interessiert. Ein Beispiel: Eine meiner Doktorandinnen mit über zehn Jahren Berufserfahrung bei einem Automobilkonzern untersucht in ihrer Dissertation, welche Kompetenzen ein Einkäufer braucht, um Nachhaltigkeitsaspekte sinnvoll im Einkauf zu berücksichtigen, also z.B. nachhaltigere Materialien einkaufen zu können oder Lieferanten in ökologischen und/oder sozialen Aspekten entwickeln zu können. Systemisches Denken beispielsweise. Das haben wir in ein Trainingsformat für Studierende und eines für Unternehmen überführt. Danach gibt es zwölf typische Szenarien, die Einkäufer in Rollenspielen trainieren können. Die bisherigen Workshops zeigen eine sehr positive Resonanz der Teilnehmer – sowohl in der Lehre als auch in der Praxis. In diesem Forschungscluster beschäftige ich mich auch mit dem Willen bzw. der Bereitschaft zum Bezahlen und speziellen branchenabhängige Risikofaktoren hinsichtlich Sustainability. Aspekte, die man wiederum in praktische Trainings einbringen kann.

Beschaffung aktuell: Bei Ihrem Förderprojekt PERFECT – Purchasing Education and Research for European Competence Transfer – haben Sie in Interviews mit Einkäufern herausgefiltert, welche derzeitigen und künftigen Kompetenzen im Supply Management eine Rolle spielen. Was sind die wesentlichen Erkenntnisse?

Bals: Die befragten Einkäufer halten derzeit vorrangig Verhandlungskompetenzen und Kommunikationsverhalten für wichtig. Uns hat überrascht, dass beim Blick auf die künftig relevantesten Kompetenzen der Faktor Sustainability an erster Stelle stehen wird, gefolgt von E-Procurement-Technologie, Automation und holistischer Supply-Chain-Denke. Eine Herausforderung ist auch das Thema Wissensmanagement, also wer hat welches Wissen und wie macht man es allen verfügbar? Interessant ist auch der Aspekt der Motivation. Nicht jeder sieht ein, warum er noch mehr auf interne und externe Kunden zu- bzw. eingehen muss. Interaktion bedeutet noch lange nicht, dass man systematisch kollaboriert.

Beschaffung aktuell: Lassen sich Kooperation und politisches Geschick trainieren?

Bals: Ja. Aber klar ist auch, dass jeder ein anderes Maß an Empathiefähigkeit hat. Man muss vor allem Verständnis schaffen. Wer sind unsere Stakeholder und Partner? Unter welchen Rahmenbedingungen bzw. Abhängigkeiten agieren sie und was erwarten sie künftig von uns?

Beschaffung aktuell: Und welche Rolle schreiben Sie dem Einkäufer künftig im Rahmen rasant fortschreitender Digitalisierung zu?

Bals: Eine ganz entscheidende! Nehmen Sie das Schachspiel: Wenn Sie einen Schachcomputer gegen einen Menschen – einen Schachmeister – der einen Computer nutzen darf, antreten lassen, dann gewinnt die Kombination Mensch-Maschine. Intuition und Erfahrung in Kombination mit Rechenpower machen nach derzeitigem Kenntnisstand überlegen. In der Bildung und im Gesundheitswesen etwa werden wir auf Emotion nicht verzichten können. Diesen Faktor müssen Unternehmenslenker auch deutlich machen. Es kann nicht darum gehen, sich komplett der Digitalisierung auszuliefern. Ich rate dazu, sich Prozesse genau anzuschauen. Was muss davon wirklich sinnvoll digitalisiert werden? Erst nach dieser Analyse sollte man Jobprofile definieren bzw. anpassen und Trainings entsprechend aufbauen. Jüngere Technologie-affine Mitarbeiter sind anders motiviert. Traditionell Geprägte haben teilweise einen großen Erfahrungsschatz, den man nicht so einfach wegdiskutieren kann. Beide Gruppen gilt es auf andere Art mitzunehmen. Das ist nicht immer leicht, aber es lohnt.

Das Interview führte für Beschaffung aktuell Sabine Ursel, Journalistin, Wiesbaden


Die Frau

Lydia Bals

Die 36-Jährige ist seit 2014 Professorin für BWL, insbesondere Supply Chain & Operations Management an der Hochschule Mainz. Bis Dezember 2013 leitete sie bei Bayer CropScience die Abteilung Global Procurement Solutions und steuerte die Aktivitäten im Kernländernetzwerk Deutschland, USA, Frankreich, Indien, China und Brasilien. Zuvor war sie als Projektleiterin bei Bayer Business Consulting tätig. Sie promovierte an der European Business School (EBS) zum Thema „Sourcing of Services“ und war für Forschungsprojekte an der University of Pennsylvania und an der Columbia University. Ihre Hauptforschungsthemen sind Offshoring/Reshoring, Global Sourcing, nachhaltiges Supply Chain Management, Einkaufsorganisation und -kompetenzen. Sie publiziert regelmäßig in Fachzeitschriften und wurde mehrfach mit „Best Paper Awards“ ausgezeichnet. Ende 2018 erschien ihr Buch „Supply Chain Finance“ (mit Wendy Tate und Lisa Ellram, www.koganpage.com). Sie ist zudem auch moderierend tätig.

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